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Wir sind Landsgemeinde: Das Sammelgeld für Maikäfer wird nicht erhöht (1906)

Nicht nur Max und Moritz, die ganze Schweiz sammelte früher Maikäfer ein • Foto: Sammlung Rauff, Keystone-SDA

Staatskanzlei • «Hin und her und rundherum. Kriecht es, fliegt es mit Gebrumm.» Wie im fünften Streich in Wilhelm Busch's berühmter Bildergeschichte «Max und Moritz» befasste sich die Landsgemeinde 1906 mit der Maikäferplage. Sie lehnte eine Erhöhung des Sammelgelds um 5 Rappen für einen Liter Maikäfer ab.

Von Roland Wermelinger, Public Newsroom gl.ch
 

Drei Jahre lebt der Engerling im Boden und frisst sich an den Wurzeln satt. Dann kriecht er als Maikäfer aus der Erde, und wird dort seit Jahrhunderten von Menschen bekämpft. Im Mittelalter wurden Maikäfer per Anordnung der Obrigkeit verflucht und verbannt. Später mussten die Krabbeltiere per kantonaler Maikäferverordnung eingesammelt werden. Als sich Ende des Ersten Weltkrieges die Ernährungslage verschlechtert hatte, schaltete sich der Bund in die Maikäferbekämpfung ein und verfügte 1918 für alle durch Maikäfer befallenen Gebiete ein Pflichtmass von vier Kilo gesammelten Käfern pro Hektare landwirtschaftlich genutztem Boden. Die Maikäferjagd war eine Art Volkssport. Generationen von Kindern und Jugendlichen scherten die Tiere im Lichtkegel der Strassenlaternen mit Besen zusammen. Oder spannten Tücher unter Bäume und schüttelten die Maikäfer herunter. Dafür winkte ein kleines Entgelt. 

Auch als Futter willkommen

Jahrzehntelang wurden die proteinhaltigen Maikäfer an Hühner und Schweine verfüttert. Als vermehrt festgestellt wurde, dass sich der Geschmack der Eier durch die Käfernahrung verändert, war der Maikäfer als Hühnerfutter verpönt. Allerdings ist überliefert, dass es bis Mitte des 20. Jahrhunderts gang und gäbe war, am Familientisch eine Maikäfersuppe aufzusetzen. «Ohne Flügel und Beine in Butter angeröstet oder im Mörser zerdrückt. Mit Hühnerbrühe aufgekocht, durch ein Tuch gesiebt und mit Mehl und Ei gebunden.» (Quelle: SRF 2017)

Generationenübergreifendes Maikäfersammeln wie hier 1949, fotografiert im Kanton Thurgau • Foto: Keystone-SDA

Geschichte aus der Jugendzeit

Der Netstaler Dorfchronist Hans Speck berichtet auf der Webseite der Stiftung Pro Netstal eindrücklich, wie in den 1950er-Jahren in seinem Dorf zum grossen Halali gegen Maikäfer geblasen wurde. Wie die Jugend damit beschäftigt war, die kleinen Krabbler einzufangen, damit sie an einem zentralen Ort verbrüht und in einem Loch entsorgt werden konnten. Die Schilderungen zum Nachlesen finden Sie hier

Landsgemeinde 1906 – Höhere Vergütung für das Käfersammeln gefordert

«Damit möglichst viele Maikäfer während der Flugzeit gesammelt werden, soll für den Liter Käfer das Sammelgeld von 10 auf 15 Rappen erhöht werden. Dieses Geld soll der Staat an die fleissigen Käfersammler bezahlen», forderte ein Bürger in seinem Memorialsantrag. Schliesslich sei dies eine Last, die nur alle drei Jahre bei einem Flugjahr anfalle. Regierungsrat und Landrat nahmen im Landsgemeindememorial auf vier Seiten ausführlich Stellung zum Antrag und folgerten daraus, dass «der erwähnte Memorialsantrag im Sinne obiger Motivierung abzulehnen» sei. Das machte die Landsgemeinde denn auch mit grossem Mehr. 

Die Glarner Käferrechnung nimmt es genau

Wer Maikäfer zu sammeln und abzuliefern hatte, und wieviel Entschädigung von wem dafür geleistet wurde, das war damals in einer fein austarierten Käferrechnung festgeschrieben. Die letzte Abrechnung aus dem Käfer-Flugjahr 1903 wurde zum Verständnis der Bürger im Memorial abgedruckt. Für jede der damals 26 Glarner Gemeinden war aufgelistet, wieviele Liter Maikäfer aufgrund der Tagwenrechte (Tagwen für Bürgergemeinde), der Kühe und der Alpstösse abzuliefern waren. Zwar war man sich der geografischen Unterschiede der Gemeinden bewusst, die Käferrechnung nahm darauf aber keine Rücksicht. So lieferte beispielsweise die Gemeinde Bilten über 10'000 Liter Maikäfer ab, obwohl nur gut 4000 Liter gefordert waren. Der Spitzenreiter Schwändi lieferte anstatt den geforderten knapp 2500 Litern gar rund 17'000 Liter Käfer ab. Dafür wurden in Engi, Matt und Elm überhaupt keine Käfer gefangen, was in der Käferrechnung entsprechend festgehalten wurde. Die Erklärung dazu im Originalwortlaut:

«Der Umstand, dass namentlich die Gemeinden Bilten, Näfels, Netstal, Mitlödi, Schwändi, Nidfurn, Leuggelbach und Haslen die grössten Käferlieferanten sind, während die Gemeinden des Grosstals und namentlich des Sernftals fast gar nicht in Betracht fallen, ist auch aus den früheren Käferrechnungen ersichtlich. Die Vergütung der Ausgaben muss allerdings dennoch im ganzen Lande gleich auf Tagwenrecht, Kuh Heu und Stösse Alp verteilt werden.»

Die Glarner Käferrechnung von 1903 zeigt die deutlichen Unterschiede der Sammelzahlen und damit auch des Maikäferbefalls • Foto Ausschnitt Landsgemeindememorial 1906

Kein Systemwechsel

Dieses System, so schreiben die Verfasser des Memorials sinngemäss weiter, solle nicht über den Haufen geworfen werden, indem jetzt plötzlich der Staat für die Beitragserhöhung der gesammelten Maikäfer aufkommen muss. Bisher war der Kanton nämlich nur Administrator und Rechnungssteller und leistete selbst keine Beiträge. Immerhin würde die vom Bürger zugemutete Leistung rund 4500 Franken pro Flugjahr kosten. Es folgt dann eine Abhandlung, die heute neudeutsch als Benchmark bezeichnet würde; ein Vergleich der unterschiedlichen Maikäfersammel–Politik der Kantone. Daraus wird ersichtlich, dass der Kantönligeist schon damals kräftig durchs Land wehte, denn kaum ein Kanton regelte das Maikäfersammeln gleich wie ein anderer. In einigen Kantonen leistete die öffentliche Hand einen Beitrag in anderen nicht. In unterschiedlicher Ausgestaltung mussten Besitzer von Liegenschaften, Tieren oder Alprechten eine definierte Käfermenge abliefern, andernfalls drohte ein Bussgeld. Damit wurden u. a. freiwillige Käfersammler entlöhnt.

Der Kanton Glarus sei in Sachen Käfergeld mit 10 Rappen pro Liter Käfer sehr nobel unterwegs, stellte der Regierungsrat im Landsgemeindememorial 1906 fest: «Aus diesen Daten geht hervor, dass die gegenwärtig in unserem Kanton bezahlte Entschädigung diejenige der meisten acricolen Nachbarkantone übersteigt. Wir glauben denn auch, es könne einstweilen die bisherige Vergütung genügen.»

Und doch gab die Obrigkeit zu, dass das geltende Glarner System ungerecht sei. So werde das Sernftal zu Kosten für die Maikäfervertilgung herbeigezogen, für die es selbst keinen Nutzen habe, da es kaum von Engerlingsschaden betroffen sei. Ohnehin müsse die Bekämpfung vermehrt auf die Engerlinge unter dem Boden statt auf die Käfer in der Luft und in den Bäumen verlegt werden. Da sei ein gemeinsames Vorgehen der Kantone wichtig, wie es schon seit Jahren diskutiert werde. Der Regierungsrat wurde noch konkreter und versprach, entweder selbst eine kantonale Vorlage zu bringen oder mittels eines Konkordats mit weiteren Kantonen eine bessere Gesetzgebung zu schaffen. So kam es dann auch, indem Jahre später der Bund eine entsprechende Verfügung erliess. Die Landsgemeinde 1906 folgte dem Regierungsrat und lehnte den Antrag des Bürgers deutlich ab.

Aus dem Memorial der Landsgemeinde von 1906 zum Traktandum 14: Erhöhung der Vergütung für das Einsammeln der Maikäfer:

Ein Bürger stellt den Antrag:

  • Um dass recht viele Maikäfer während der Flugzeit gesammelt werden, so soll für den Liter Käfer Sammlergeld anstatt wie bisher 10 Rp. bis 15 Rp. bezahlt werden.
  • Sollten aber die 5 Rp. Aufschlag vom Lande getragen werden und nicht auf der Käferrechnung als steuerpflichtig vom Kopf getragen werden. Denn dieser Ausfall von denen 5 Rp. Mehrausgabe müsste der Staat als solcher nur alle drei Jahe übernehmen.
  • Sollte mein Antrag vom h. Landrat erheblich erklärt und von der h. Landsgemeinde sanktioniert werden, so soll er 1906 schon in Kraft treten, indem 1906 ein Flugjahr ist. >>> Das Protokoll dieses Traktandums finden Sie hier [pdf, 1.8 MB].

Und heute?

Die Bekämpfung von Schädlingen in der Landwirtschaft ist nach wie vor ein grosses Thema. Der Einsatz von Insektiziden kommt nicht mehr infrage, jedoch ist man den Maikäfern durch eine biologische Methode Herr geworden. Ein auf ein geschältes Gerstenkorn geimpfter Pilz wird in den Boden eingebracht und dämmt dort die Ausbreitung der Engerlinge ein. 2017 berichtete die Sendung «Espresso» von Radio SRF über den Wandel der Methoden in der Maikäferbekämpfung. Onlineartikel und Audiobeitrag finden Sie hier

Wir sind Landsgemeinde

Diese lose Serie über bemerkenswerte Entscheide der Glarner Landsgemeinde entsteht in Zusammenarbeit mit alt Ratssekretär und Fahrtsbrief-Verleser Josef Schwitter aus Näfels. Die Texte von Roland Wermelinger und André Maerz lehnen sich an das jeweilige Landsgemeinde-Memorial und an die Landsgemeindeprotokolle an. 

> Überblick über alle bisherigen Folgen

> Mehr zur Glarner Landsgemeinde

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